Zdenêk Adamec – Verlorene Suche nach einem Platz in der Welt

Nach langer Pause öffnet das Wiener Burgtheater endlich wieder seine Pforten!

 

Eigentlich wollte ich mir ja nur die neue Bestuhlung im Burgtheater anschauen gehen und wieder ein wenig Theaterluft schnuppern. Dafür habe ich mir dann ausgerechnet ein Peter Handke Stück ausgesucht! Noch dazu eines, das wirklich nicht so klingt als wäre es leicht zu verdauen. Handke bearbeitet die Geschichte des 18 jährigen Schüler Zdenêk Adamec, der sich aus Protest gegen die Welt und irgendwie alles am Wenzelsplatz in Prag selbst entflammt.

Life Magazin, Wiener Burgtheater
© Mathias Horn/Burgtheater

Das Stück ist laut, es ist schrill, es ist grotesk, verwirrend und unterhaltsam, kurzweilig und lässt dem Betrachter dennoch die Zeit das Beobachtete und Gehörte zu überdenken. Ganz sicher kann man es nicht so schnell verarbeiten, es wird nachklingen. Die Darsteller geben auf der Bühne alles, schreien sich an und brüllen synchron in Richtung des Publikums. Manch einer mag hier sagen, das sei nicht neu, aber ganz ehrlich, ich fand es befreiend. Am liebsten hätte ich mitgeschrien. Das mag an der Stille des Lockdowns liegen, der zu langen Abstinenz von lauter Musik und Party und der Möglichkeit, sich auszuleben. Ich könnte mir vorstellen, den Schauspielern ging es ähnlich. Es war, als ob sie all das Aufgesparte der letzten Monate auf der Bühne rauskotzen würden und das mit Leidenschaft und vollem Einsatz und purer Freude. Was wäre dafür idealer als ein Handke Stück?!

Life Magazin, Wiener Burgtheater
© Mathias Horn/Burgtheater

Die Inszenierung von Frank Castorf ist spannend und modern, es fehlt weder an einer Videoleinwand und einer Live-Kamera, noch am aktuellen Bezug zum Weltgeschehen. Und auch nostalgisch dürfen wir werden wenn wir ein Lied vom seligen Georg Danzer hören.

Die Schauspieler, nicht fest verankert in ihren Rollen und überzeugend in ihrer Verlorenheit, rührend wenn sie versuchen sich an die Absichten des Autors zu erinnern, sind brillant und geben alles.

Neue Stühle für die alte Burg

Life Magazin, Wiener Burgtheater
© Babsi Keoma/LIFE Magzin - Neue feine Stühle

Die neuen Stühle sind im übrigen sehr schick und bequem und machen keine Quietsch- und Knarrgeräusche beim hin und her rutschen des Allerwertesten. Dennoch, der Wermutstropfen des Stücks ist seine Länge und da kann auch die super Bestuhlung nicht viel helfen. Die erste Pause war erst nach zwei Stunden und danach kommen noch mal zwei Stunden. Mit bestem Willen hätte ich, genauer gesagt mein Knie, das nicht durchgehalten. Allerdings bedaure ich es sehr, die zweite Hälfte verpasst zu haben. Ich bin mir sicher, die Handlung hat sich noch zugespitzt und am Ende gabs einen lauten Knall. Sollte ich es irgendwie schaffen werde ich mich noch mal in das Stück begeben und zwar ab der Pause, dann fühle ich mich auf Theaterebene hoffentlich wieder vollständig. Denn es wurmt mich, das Ende verpasst zu haben, mehr als ich angenommen hätte.

Life Magazin, Wiener Burgtheater
© Mathias Horn/Burgtheater

Dringende Empfehlung sich ins Burgtheater zu begeben!

Bitte sich den Zdenêk Adamec auf keinen Fall entgehen lassen! Er ist besser als das Donauinselfest und vermutlich besser als jede Therapie und sowieso besser als daheim am Sofa zu sitzen und auf den nächsten Lockdown zu warten. Und es passt hervorragend in unsere Zeit. Genau wie Zdenêk Adamec versuchen auch wir unseren Platz in der Welt (wieder) zu finden nachdem sich alles verändert hat und immer noch nicht so ist wie es mal war und vielleicht auch nie mehr so wird.

Ausreichend Sitzfleisch und angemessen hohe Erwartungen mitbringen!

Life Magazin, Wiener Burgtheater
© Mathias Horn/Burgtheater

"Papa was a Rolling Stone" - Soul train line dance - recommended by Babsi Keoma

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