Life Magazin Manfred Cobyn

Herr Ablöser bitte!

Um sich beruflich zu orientieren, probiert man als junger Mensch so manche Arbeitsstelle aus, um herauszufinden, womit man sich sein Leben lang beschäftigen möchte.

Da ich ein unruhiger Geist bin und Bürojobs für mich nicht infrage kommen, suchte ich mir zuerst einmal einen Saisonjob, bei welchem man viel herumkommt, körperlich aktiv ist und Kontakt mit Menschen hat.

Heizungsableser

Viele Wiener Haushalte werden mit Fernwärme beheizt. Dies muss man natürlich auch abrechnen. Dazu gibt es HKV 48, HKV 80 und HKV 93. Das sind keine russische Waffen, sondern Messgeräte mit Röhrchen, gefüllt mit gefärbten Spezialflüssigkeiten (Methylbenzoat), welche jährlich getauscht werden müssen. Das Prinzip ist ganz einfach: je mehr man heizt, desto mehr Flüssigkeit verdampft.

Doch dies wollten viele Kunden, ja sehr viele nicht verstehen oder akzeptieren.

Es wurde nachkontrolliert mit Taschenlampe und Lupe, vorgeschriebene selbst abgelesene Listen gereicht und allerhand gehandelt. Doch dazu später.

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Fernwärme Wien

Working „nine to five“

Ein Durchschnittsarbeitstag sah so aus, dass sich ca. 30 mehr oder weniger junge Ableser um 8:00 vor der abzulesenden Gemeindebau/Genossenschaft/Althaus-Anlage trafen und ausgerüstet mit Röhrchen und Werkzeug im “Kisterl”, ins Wirtshaus gingen.

Es wurde nicht nur Kaffee getrunken, auch Bier, Spritzer und Schnaps. Jene, die Soda-Zitron bestellten, rauchten “stark riechende” Zigaretten.

Um 9:00 ging es dann los. Treppauf, treppab, hinter Kasteln, unter Tischen, verbaut zwischen speziellen Möbelkonstruktionen, neben dem angepissten Klo und in vergammelten Küchen, wurde das Röhrchen auf den Heizkörpern getauscht.

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In der ersten Stiege warteten schon nervöse Kunden, da sie in die Arbeit wollten. Doch es galt einen Zeitplan einzuhalten. Was tun? Trinkgeld einstecken und die anderen warten lassen! Aber auch nur, wenn es einen Lift gab.

Es tut mir leid, aber mit der Zeit stumpft man ab. Ich habe mich am Anfang meiner Karriere sehr bemüht, jedem alles recht zu machen. Doch Undank ist der Welt Lohn.

Aufgewachsen in einem Akademikerhaushalt lernte ich bei dieser Arbeit das goldene und das grantige Wiener Herz kennen. Vor allem auch den Wiener Dialekt.

Ich wurde Äpfelfrau, Pupperl, Häferl, Tanzbär und Ablöser genannt. Warum es ablösen heißt, bleibt mir bis heute unerklärlich.

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Ordnung vs. Unordnung

Nicht nur, dass man mit den verschiedenen Bevölkerungsschichten in Kontakt kam, nein, man sah auch in jedes Zimmer ihrer Wohnung. Manche hatten das Vorzimmer aufgeräumt, falls sie nur die Wohnungstüre öffnen mussten. Doch dahinter sah es ganz anders aus. Ich wusste gar nicht, dass Heizkörper schimmeln und mit Urinstein doppelt so dick werden können, gespickt mit Schokostückchen. Gänge zum Heizkörper in bemitleidenswerten Messie-Wohnungen waren freigehalten, oder das genaue Gegenteil. Mit Bettlaken und bereitgestellten Operationspatscherl, sterile Straßen zum Heiligen Gral.

Manche dieser Wohnungen hatten gestrickte Waschmaschinenhäubchen, farblich dazu passende WC-Deckel Bedeckungen und damit das Klopapier schön vor temperiert ist, gestrickte Klorollenschützer. In einem Haushalt sogar sollte ich das gelbe Gäste WC Papier verwenden. Sachen gibts.

Es gibt gab auch Gastfreundschaft, bei der man zu Essen und Trank eingeladen wurde. Doch einmal übersetzte eine türkische Drittfrau, ob ich nicht ihren Mann als Viertfrau heiraten wolle.

Ich habe es nicht getan, denn als ich sah, dass die schwangere Zweitfrau das Sofa mitsamt ihrem darauf thronenden Mann verschieben musste, als ich zum Heizkörper wollte, dämmerte es mir, dass mein Leben ohne Pascha doch besser war.

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Nur vom Hörensagen!

Zu Mittag trafen sich die Ableser wieder im Wirtshaus (nach einem Vormittagsfrühschoppen), um ihren Alkoholspiegel aufzufüllen. Lustig ging´s dann weiter.

Ich habe von meinen Kollegen gehört, dass sie manchmal schwach wurden und einen milderen Winter vortäuschten. Wenn die Bezahlung stimmte oder wenn ihnen gedroht wurde.

Ja, ja, das Ablesen war ein gefährliches Pflaster. Welches nur durch übermäßigen Alkoholkonsum oder Bakschisch entschärft werden konnte. Für alle lieben Kunden ein kleiner Hinweis: 150 Euro wären schon fein.

Je schneller der Feierabend nahte, desto hurtiger wechselten wir die Röhrchen. Es gab viele einsamen Seelen, die einem Plauscherl nicht abgeneigt waren. Und wir nahmen uns die Zeit, vor allem wenn ein 5er deutlich sichtbar vorbereitet war. So auch eine alte Dame, welche sich über ihre Nachbarn, die einen Stock über ihr wohnten (“Philippinos” wurden wir zum Essen eingeladen, es roch verführerisch), beschwerte. Gut platziert stand ein Besen im Zimmer und die Spuren in der Decke verrieten Bände.

Nach unserer Arbeit gingen wir wohl verdient ins Wirtshaus, natürlich Bier trinken, wo wir dann die Kunden trafen, welche einen Zettel an die Tür geheftet hatten, dass sie hier erreichbar seien. Sie beschwerten sich, warum wir sie nicht gesucht und abgeholt hätten. Bitte, aber nur mit Foto!

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Heit´am Tog, woar a schware Partie für mi….

Wir konnten auch unsere Erlebnisse Revue passieren lassen, da warnämlich allerhand dabei, um nicht zu einem Psychotherapeuten oder „metoo“ Selbsthilfegruppe gehen zu müssen. Männer in lila Hotpants, stolzer Brust und Rücken Behaarung,mit fettem Goldketterlund Wamp´n, welche einen AblesERverlangten, statt eines Weibes. Oder enttäuschte Hausfrauen, welche mir im Spitzenmorgenmantel die Türe öffneten, ob der Erwartung eines Ablesers, der sie schön säuft und ablöst.„Völlig abgelöst von der Erde….“ Trallala!

Diese anstrengende Arbeit hat meinen Horizont erweitert und mir meine Grenzen gezeigt, welche ich auch überschritten habe. Irgendwann konnte man die Wohnungseinrichtung von einem auf der Straße

entgegenkommenden Kunden erschnuppern Ungelüftete Wohnungen am Morgen mit kaltem Nikotingeruch oder Febreze-Überdosierung. Auch Billy & Co. von Ikea hat einen eigenen Geruch. Haustiere, die den ganzen Boden vollkackten. Die Kinder, deren aufgetakelten Mütter krabbelten mittendrin nackt herum. Post-it-Zettel, die manche an ihre täglichen Aufgaben erinnerten („vom Teller essen“, „WC Spülung betätigen“, „Klopapier verwenden“).

Ich könnte Bücher mit meinen Erlebnissen füllen, doch das sprengt hier dann doch den Rahmen.

Alle Jahre wieder

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Eine Bitte hätte ich noch, seien sie freundlich zu den Ablesern, denn das ist nicht nur ein Studentenjob für ungelernte Deppen und Alkoholiker. Man muss Contenance bewahren, diplomatisch sein und seine Arbeit gewissenhaft erledigen. Wir sind ja schließlich alle nur Menschen und keine Maschinen. Oder hätten sie gerne, dass Herr Terminator die Röhrchen kaputtschiesst (aber Achtung, das macht gewaltige Flecken), sich gewaltsam Platz schafft und nicht mit sich diskutieren lässt? Denn vergessen sie nicht: „I will be back“.

Guts - "And the Living is Easy" recommended by Gala

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