Life Magazin, Susanner Dressler, Burgtheater, Akademietheater, Die Schwerkraft der Verhältnisse, Markus Meyer, Barbara Petritsch, Nils Strunk

Verlorene Leben

Mit der „Schwerkraft der Verhältnisse“ von Marianne Fritz arbeitete man sich am Akademietheater nicht nur mit einem Stück österreichischer Literatur, sondern auch mit der Stellung der Frau ab.

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© Ruiz Cruz Press

Die Stille ist quälend. Niemand im Zuschauerraum räuspert sich oder hustet. Atmet überhaupt wer? Minutenlang beobachtet man Berta, die zuerst ihren Kindern in Wasser aufgelöste Schlaftabletten zu trinken gibt und danach ein Riesenkissen auf die Köpfchen drückt. Bis es vorbei ist! Kindsmord auf die Bühne stellen? Das ist harter Stoff und Inhalt des Romans der österreichischen Schriftstellerin Marianne Fritz (1948-2007). Sehr oft funktioniert das Projekt „eine Romanvorlage für die Bühne adaptieren“ gar nicht. Hier gelingt es aber erstaunlich gut. Den Mord an den Kindern kann man nicht verzeihen, aber einiges verstehen, nach den vielen eindrucksvollen Szenen in denen das Leben von Bertha aufgerollt wird.

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Das Leben, ein Irrtum

Vier Protagonisten bestimmen den Abend: Berta (Katharina Lorenz), Wilhelm (Markus Meyer), Wilhelmine (Stefanie Dvorak) und Rudolf ( Nils Strunk). Ergänzt werden die vier Personen, deren Schicksale untrennbar miteinander verwoben sind, durch die Figur des Mütterchen (Barbara Petritsch), die eine Erzählerrolle übernimmt. Berta ist ein besonderes Wesen, versponnen, leichtgläubig, religiös, verliebt in den Musiker Rudolf, der sie auf dem Klavier mit Melodien von Johann Strauß verführt. Was nicht ohne Folgen bleibt. Seinen Sohn wird er nie kennenlernen, denn er fällt im 2. Weltkrieg. Seinem besten Freund Wilhelm nimmt er das Versprechen ab, sich um Berta zu kümmern. Dieser übernimmt diese Aufgabe, führt daher Wilhelmine nicht an den Traualtar, sondern Berta. Ein Mädchen kommt auf die Welt, Wilhelm versucht Rudolfs Sohn ein Vater zu sein. Die Ehe funktioniert nicht, Berta scheint unter den Bemühungen ihres Mannes, den Quengelei der Kinder und den Moralpredigten von „Freundin“ Wilhelmine zu ersticken. Mord und Selbstmord winken ihr als Ausweg. Der findet sich nicht, denn Berta überlebt und landet in der sogenannten Festung einer von Nonnen geführten Anstalt.

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Schatten ohne Licht

Verstärkt wird das beklemmende Szenario durch ein eindrucksvolles Bühnenbild: Peter Baur gibt einen weißen Rahmen vor und darauf agieren, teilweise erstaunlich synchron, die Schatten der Protagonisten. Wie bedrohliche Riesen ragen sie meistens über den Personen, gelegentlich eilen sie dem Erzählstrang schon voraus oder berichten von einer anderen Geschichte. Ein gelungener Kunstgriff, der viel Raum zum Beobachten bietet und Regisseur Bastian Kraft ein beklemmendes Kammerspiel ermöglicht. Die gruselige Enge der Wohnung rollt aus dem Untergrund: Ein extrem verschachtelter Wohnungsgrundriss fährt hoch, in dem sich nun Berta und Familie mühsam von Kästchen zu Kästchen, in Laden und über kleine Treppen zwängen.

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Trotz hoher Schauspielkunst wirken die Figuren gelegentlich etwas unscharf gezeichnet, was aber weniger an Regie oder Akteuren liegt als an dem Text, der viel an Wissen über die vier Unglücksraben verrät. Zum Schluss hat jeder verloren: Berta ihre Kinder, ihren Mann, die Religion und jeden Bezug zur Außenwelt, Wilhelm und Wilhelmine werden weiterhin eine unglückliche Ehe führen. Jetzt wäre es an der Zeit den Roman von Marianne Fritz zu lesen, vielleicht beleuchtet dieser noch ein paar Themenkreise.

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