Mehr Schein als Sein


Joachim Meyerhoff ist wieder da: In Der Fall McNeal von Ayad Akhtar spielt er einen narzisstischen Schriftsteller, der einen sehr eigenen Umgang mit der Wahrheit pflegt.
Große Namen ziehen. Die Vorstellungen von Der Fall McNeal im Burgtheater sind seit der Premiere am 1. März 2025 restlos ausverkauft. Der Besuch der mit Spannung erwarteten Vorstellung einen Monat später ist keineswegs ein Aprilscherz, sondern dem Umstand geschuldet, dass das Stück große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Betritt man den Zuschauerraum, kann man sich auf einer riesigen Leinwand bei der Suche nach dem Sitzplatz beobachten. Unbarmherzig nimmt die Kamera die hereinströmenden Zuschauer ins Visier, und es dauert eine Weile, bis alle sitzen. Dann betritt Joachim Meyerhoff in einem hellgrauen Anzug die Bühne. Auf ihn hat man gewartet – sein erster Auftritt am Burgtheater nach seinem Schlaganfall im Jahr 2018. Es war ein langer Weg zurück in die Normalität, gefolgt von einem Neubeginn an der Berliner Schaubühne und großen Erfolgen als Schriftsteller, insbesondere mit seinem letzten Buch Man kann auch in die Höhe fallen.


Was immer Erfolg bedeutet
Meyerhoff fotografiert das Publikum und beschäftigt ChatGPT. In Der Fall McNeal des US-amerikanischen Schriftstellers Ayad Akhtar verkörpert er einen exaltierten Bestsellerautor, der endlich den Literaturnobelpreis ergattert hat. In einer eindrucksvollen Szene fabuliert er in seiner Dankesrede in Stockholm über die Bedeutung von Kreativität und hält beinahe eine Brandrede gegen die Künstliche Intelligenz. Auf dem Screen im Hintergrund „lauscht“ die schwedische Königsfamilie – bis sich die Bilder in Millionen Pixel auflösen und schließlich in die Hochhäuser einer amerikanischen Großstadt übergehen. Solche visuellen Wechsel aus der Video- und Lichtwerkstatt von Andreas Deinert und Reinhard Traub finden häufig statt und beleben die Szenen erfrischend.
Ab diesem Moment beginnt die Entlarvung des frischgebackenen Nobelpreisträgers, der dem Tod durch Leberzirrhose geweiht ist. Vor allem die Frauen in seinem Leben haben ihre liebe Not mit dem Narzissten: seine Agentin, seine ehemalige Freundin und eine Redakteurin der New York Times. Umso erstaunlicher finden alle, dass sein nächster großer Roman aus der Perspektive einer Frau geschrieben ist – und wirklich fesselt. Sein Sohn konfrontiert ihn jedoch mit harten, aber wahren Worten: McNeal hat das Manuskript von seiner Frau gestohlen, die ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende setzte. Doch das ist nicht der einzige Diebstahl, wie sich im Laufe des zu Längen neigenden Stücks zeigt: Jedes Erlebnis, jede Begegnung, jedes Gespräch hat er in seinen Romanen verarbeitet. Nichts scheint aus seiner eigenen Kreativität entstanden zu sein – nicht anders als jene Autoren, die heute bequem ChatGPT einen Roman schreiben lassen.


Noch eine Abrechnung
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Die letzte große Enthüllung seiner Übergriffe kommt von seiner ehemaligen Freundin Francine, die riesenhaft auf der Leinwand erscheint – projiziert von einer Livekamera – und ihren früheren Liebhaber gnadenlos in Grund und Boden stampft.
So weit, so gut: Zwei Stunden vergehen überraschend schnell, auch wenn der von Daniel Kehlmann übersetzte und vermutlich bearbeitete Text nicht immer vor Brillanz strotzt. Trotzdem fühlt man sich als Zuschauer recht wohl dabei, das Scheitern des unsympathischen Autors zu beobachten. Joachim Meyerhoff spielt diesen mit gewohnter Lässigkeit, setzt die Worte gezielt, weiß genau, was betont gehört und was auch mal hingeschludert werden darf. Vielleicht ist es nicht das stärkste Stück, mit dem er an die Burg zurückkehrt, aber man ist froh, dass er da ist. Einen brillanten Auftritt hat Zeynep Buyraç als Francine, die eindringlich und gnadenlos Bilanz mit ihrer Beziehung zu McNeal zieht. Dorothee Hartinger gibt gewohnt routiniert eine glaubhaft dauergestresste Agentin. Felix Kammerer hat als Sohn einen eher kurzen, aber eindrucksvollen Auftritt – und sorgt in einer anderen Szene in einem hautengen rosa Anzug mit Tendenz zu Kicheranfällen für einen sehr komischen Moment. Regisseur Jan Bosse hat sicher ausgiebig mit seinen Schauspielern geprobt, aber ein Meyerhoff bleibt eben ein Meyerhoff. Genau deshalb ist das Burgtheater ausverkauft, und genau deshalb spendete das Publikum dem Ensemble wohlwollenden Applaus.
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