Life Magazin in einem Wiener Krankenhaus

Die Notaufnahme wurde zur Not

Was tun an einem milden Märztag am Wochenende, wenn einem langweilig ist? Mir war nicht unbedingt nach Bewegung zumute, da ich starke Knieschmerzen hatte, auch Stubenhocken mit fernsehen kam für mich nicht in Frage.

Also dachte ich mir, wie gut, dass ich schon seit zwei Tagen blutigen Durchfall hatte und keine Ärzte, die mich betreuten, erreichbar waren.

Unfallkrankenhausnotaufnahmen waren zwar sehr unterhaltsam und spektakulär, aber in meinem Falle nicht angesagt. Es ging schon blutig zu, aber niemand war zum Glück daran schuld, dass ich aus dem Allerwertesten blutete.

Ich überlegte in ein Wiener Stadtspital zu gehen, da ich auch annahm nicht so lange warten zu müssen. Wer kam schließlich freiwillig an einem sonnigen Samstagnachmittag in die Notaufnahme? Welche Krankheiten konnten nicht bis Montag warten?

Nun gut, ich fuhr eine knappe Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Wilhelminenspital, wo ich schon im Sommer eine unangenehme Darmspiegelung hinter mich gebracht hatte und bei dessen Oberarzt ich in die Privatordination ging. Damals wurde eine chronische Darmentzündung diagnostiziert, jedoch war Blut im Stuhl kein typisches Symptom dieser.

Life Magazin im Krankenhaus
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Ein großes Schild informierte die Ankömmlinge

Als ich ankam, gefühlte 40 Grad im Inneren, sah ich wenige Pärchen im Wartesaal sitzen und angesichts dessen frohlockte ich einer kurzen Wartezeit entgegen.

Ein großes Schild informierte die Ankömmlinge, dass nicht nach Eintreffen aufgerufen wurde, sondern nach Dringlichkeit der Fälle.

Schon nach 10 Minuten kümmerte sich eine Schwester um mich und nahm meinen Grund des Kommens auf und maß immerhin Blutdruck und Puls. Darauf hin, nahm ich wieder im Wartesaal Platz und wartete brav.

Da man sehr hellhörig ist, um ja nicht den Ruf des Doktors zu überhören, ist man gezwungen, alle Geräusche doppelt laut wahrzunehmen. Alles schien störend, aber man konnte nicht umhin, allen Konservationen zu lauschen.

Da war die besorgte Ehefrau, die bei der Anmeldung, um ein Schmerzmittel für ihren Mann bat, da er schon seit 5 Stunden auf den Urologen wartete. Die arme  Gattin wurde ziemlich barsch abgewiesen, da „dieses“ Personal dafür nicht zuständig wäre. Auch auf die Bitte hin, wenigstens den Urologen telefonisch zu fragen, wurde natürlich unhöflich abgeschmettert.

Dann ging eine ziemlich schlecht Deutsch sprechende, aber sicher schon seit ihrer Geburt in Wien lebende, junge Zigeunerin zur Anmeldung und regte sich auf.  Schon seit 2 Stunden warte sie auf einen Frauenarzt, empörte sie sich. Das genervte Personal erwiderte zuerst gar nichts auf ihr Geschimpfe, dann schickten sie sie weg und versicherten ihr, sie würde irgendwann schon aufgerufen werden.

Life Magazin im Krankenhaus
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Merkwürdige Umstände

Gleich zückte die sehr unhöfliche Lady, wutentbrannt ihr Handy, trotz Verbot, und informierte irgendeine Freundin, dass sie, obwohl erst 5 Minuten vergangen waren, schon 3 Stunden auf eine Ärztin wartete. Ich verstand leider ihr Deutsch-Serbisches Kauderwelsch, da meine Mutter Kroatin war. Mich interessierten die ganzen Wehwechens der Leute hier nicht und mich störte diese ganze Aufpudelei. Sie bewirkte doch nichts. Aber das schien hier niemand zu verstehen.

Die nächsten Ankömmlinge waren zwei ältere Damen. Die eine hörte schlecht und verstand auch geistig die einfachsten Fragen nicht. Anscheinend war ihr Kopf nicht ganz in Ordnung.

Deshalb wurden alle Fragen mindestens drei Mal laut schreiend wiederholt. Ich hegte schon den Verdacht, dass die Ärzte diese knapp 90 Jährige vor mir dran nehmen werden. Als leidender Mensch fragt man sich, wie sinnvoll das aufpäppeln einer so alten Person ist, wenn sie doch eh bald das Zeitliche segnen würde und ein einfältiger Kopf doch Glück versprach.

Da ist sich dann doch jeder zuerst selbst der Nächste.

Ich hatte recht und schon kurze Zeit später wurde die verwirrte Frau durch die sehr begehrte Tür gelassen. Ich beobachtete schon, dass diese nur in Richtung Ausgang offen war und alle Ungeduldigen, die die Ärzte stürmen wollten, daran umsonst rüttelten.

Life Magazin im Krankenhaus

Viele Fragen

Nach fast zwei Stunden, diesem Irrsinn ausgesetzt, war es so weit, ein asiatischer Arzt, rief meinen Namen zwar falsch auf, doch die magische Tür zur erhofften Genesung, die wie eine Pforte ins Himmelsreich von ihm offen gelassen wurde, war rasch durchschritten, aber anstatt Engerl sah ich nur die Hölle.

Ein aus allen Nähten quellender zweiter Warteraum befand sich hinter der ersten Hürde, doch das lies mich zunächst kalt, da ich dachte, der Arzt ist nun „meiner“ und er würde mir helfen.

Nach einigen Fragen, stellte sich der Arzt als Tom vor und verschwand aus der mit einem Vorhang verdeckten Koje. Ich hörte inzwischen einer 86 jährigen Frau zu, wie sie ihr Leben schilderte, anscheinend hatte sie nur die Einsamkeit hierher gebracht. Die sie betreuende Ärztin hatte eine Engelsgeduld, aber als ich da auf meinen schusseligen  Arzt wartete, riss mir meine Geduld.

Doch was konnte ich tun? Gar nichts, nur weiter warten.

Mein Doc kam wieder zurück, als sein Telefon läutete. Ich verstand kaum was er am Hörer sagte und er verstand auch nicht was man am anderen Ende der Leitung von ihm wollte. Deshalb rief er die geduldige Ärztin, worauf die 86 Jährige zum Schreien anfing, um ihm dieses Telefonat abzunehmen.

Er wandte sich wieder mir zu, erklärte mir, er würde sich zunächst meinen Bauch anschauen.

Dem war auch so, denn als ich mein Leiberl hochzog, erfolgte keine Untersuchung, er starrte nur drauf. Nachdem er noch so einiges von mir wissen wollte und mir schon kalt, trotz Überheizung, am Bauch wurde und er noch immer keine Anstalten machte ihn anzugreifen, deckte ich ihn wieder zu und dachte mir ich habe ihn missverstanden. Es war, neben dem Geschrei daneben, wirklich schwierig ihn zu verstehen, er sprach auch wie ein  Chinarestaurantkellner –  lustiges Deutsch.

Life Magazin im Krankenhaus

Eine "Lecktaluntersuchung"

Kurz darauf, wunderte er sich mit großen Augen, warum ich meinen Bauch nicht frei machte. Alles kam mir allmählich komisch vor. War dieser kleine Mann wirklich Arzt?

Gut, Doktor Tom griff herum und kündigte eine „Lecktaluntersuchung“ an. Mir kam Angst hoch. Was beinhaltete das? Auch eine weitere Endoskopie und das Bleiben im Spital drohte er mir an.

Auf was hatte ich mich da nur eingelassen.

Er verschwand wieder. Kam noch mal durch den Vorhang, der schlecht zugemacht wurde, zurück und zog sich lautstark Plastikhandschuhe an.

„ Es wird jetzt unangenehm, aber dauert nicht lange.“

Er hatte recht. Inzwischen kam jemand rein, die alte Frau erzählte munter weiter und der Arzt verschwand wieder. Mit Privatsphäre hatte man es hier nicht so.

Ich verstand nun auch, dass eine „Lecktaluntersuchung“ keine Unanständigkeit war und auch kein komisches Medikament. Er fuhr zum Glück nur mit seinen Fingern in mein Popoloch hinein und wühlte darin herum. Mehr darüber möchte ich nicht sagen, denn je schneller aus dem Gedächtnis desto besser.

Schließlich wurde mir endlich Blut abgenommen, davon hing es ab, ob ich nach Hause durfte, oder über Nacht in diesem unterbesetzten Spital bleiben musste.

Nun gut, ich wurde gebeten „kurz“ Platz zu nehmen, ich würde aufgerufen werden, wenn die Blutbefunde fertig seien.

Leidende Menschen überall

In diesem übervollen zweiten Warteraum, war ein Haufen von leidenden Menschen, die alle irgendwelche Laute von sich gaben. Viele waren an Infusionen angehängt, alle auf rollenden Sesseln, damit man sie, falls es schnell gehen musste, weg schieben konnte. Betten wurden alle paar Minuten durch die Sessel manövriert und zwischenzeitlich geparkt. Die Schläuche der Infusionen blieben oft hängen und wurden fast bis zum Reißen gespannt. Niemand vom Personal hatte Zeit und wollte Fragen beantworten.

Die erste auffällige Person dieses Sammelsuriums, war ein anscheinend geistig minder bemittelter junger Mann, der Baumgartner hieß. (Entschuldigen sie meine nicht politische Korrektheit, aber manchmal fehlen mir die richtigen Worte. Am liebsten hätte ich ihn als Mongerl tituliert.) Warum kannte ich seinen Namen? Ganz einfach, jede zweite Minute stellte er sich jemanden vor. „Grüß Gott, Baumgartner, haben sie meine Befunde?“ Er kommentierte laut alles was er sah und rief trotz großem Handyverbotsschild alle 5 Minuten seine Mutter an: „Mama, ganz super, ich bin mit der Rettung gefahren.“

Unglaublich, dass er ohne Mama hier war und trotz, anscheinend großer Defizite alles alleine schaffte. Neben mir war er einer der wenigen, die ohne Begleitung hier waren.

Dann kam wirklich Stimmung in die Bude. Ein weiterer Vertreter des immigrierten, nicht integrierten Balkanopitecus, samt Sippe, kam auf einer Bahre angerollt. Es war eine Frau mittleren Alters, die sicher Oscarnominiert als beste Hauptdarstellerin und Dramaqueen versuchte ihr Bestes zu geben. Sie schrie laut wie eine Sirene „Ooohhhh Ohhhhh“ und rief nach ihrem Mann Zoran auf Serbisch. Dann wechselte sie in schlechtes Deutsch: „Aauuuu, Auuuuaah, Schmerz, Schmerz!“ Zoran war sehr aufgebracht und schimpfte alle Ärtzte, warum sie nicht seiner Frau halfen, es reiche nicht zu fragen wo sie Schmerzen hatte. Denn das wurde nach jeder Ooohhhh Pause, als sie Luft holte, gefragt. Dann gingen die Ärzte wieder weg.

Nicht nur Herrn Baumgartner war das laute Heulen zu viel. Er äffte die Schreie nach und bat um Ruhe und erklärte jedem, dass er Angst bekam.

Alle wurden immer lauter, da keiner keinen mehr verstand. Viele hielten sich die Ohren zu. Endlich wurde die Leidende weggerollt, keiner fragte sich wohin, Hauptsache weg.

Es wurde jedoch nicht stiller:

Einer Frau wurde fast ein Schmerzmittel intravenös verabreicht, obwohl sie dagegen allergisch war. Sie regte sich furchtbar auf und die Ärzte auch. Herr Baumgartner war natürlich mit von der Partie. Glück gehabt, dass die Götter in Weiß rechtzeitig draufgekommen sind, sonst hätte das Image des grindigen Krankenhauses noch mehr gelitten.

Das richtige Martyrium begann

Life Magazin im Krankenhaus
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Dann kam mit Gewalt eine slawische Frau durch die, nur in eine Richtung durchlässige, Tür. Sie plärrte, nachdem sie in einen für Patienten verbotenen Bereich eingedrungen war, nach ihren Befunden, die sie jetzt holen wollte. Da sie so lange gewartet hatte, angeblich 10 Stunden, war sie einfach weggegangen, schließlich musste sie noch einkaufen gehen. Das Personal erklärte ihr nicht einmal, nein sicher sieben Mal, dass sie jetzt ihre Befunde nicht einfach bekommen könne, da sie aus dem System ausgeloggt war. Ohne Entlassungsbrief zu gehen, bedeutete dass alle Untersuchungen, die man machte gelöscht wurden. (Dann wundern sich alle dass das Gesundheitswesen so viel Geld kostet?)

So schlecht konnte es der aufgebrachten Frau eigentlich nicht gehen, wenn sie shoppen ging und ihr irgendwann einfiel wichtige Befunde zu holen. Wahrscheinlich dachte die Arme, die Befunde seien irgendwann noch einmal nützlich um eine Krankschreibung oder gar eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt zu bekommen. Als sie nichts erreichte, stapfte sie wütend in Richtung Ausgang. Als es ihr nicht gelang, die sanft schließende Tür mit Wucht zuzuhauen, versuchte sie es gleich noch einmal mit mehr Wut und machte Rumpelstilzchen alle Ehre.

Herr Baumgartner kommentierte diesmal nicht, wahrscheinlich war er gerade in einem Arztgespräch.

Der nächste Auffällige war ein total betrunkener Mann, anzunehmen auch Alkoholiker.

Wie konnte ich das erkennen? Ganz einfach, er stank wie ein Wirtshaus, konnte kaum gerade gehen, aufgedunsenes rotgefärbtes Gesicht, glasige Augen und es fiel im schwer korrekte Sätze zu formulieren. Doch er machte allen klar, auch denjenigen, die nicht seine Geschichte hören wollten, dass er mit K.O. Tropfen vergiftet worden war. Normalerweise trinke er ja keinen Alkohol, aber letzten Abend machte er eine Ausnahme. Schwuppdiwupps fuhr er 3 Stunden mit der U-Bahn, bis er sie letztendlich vollkotzte. Er verstand gar nicht warum ihm alle Ärzte weismachen wollten, dass er „nur“ betrunken war.

Plötzlich kam ein Ordnungsdienst in den Wartesaal und forderten den Alkoholisierten auf, ihnen sofort ins Unfallkrankenhaus zu folgen. Sie wüssten nicht warum, nahmen aber im Kreis um ihn Position auf. Er bekam es mit der Angst zu tun. Ich schätze, es gab einen Raufhandel und nicht er war das Opfer, sondern sein Spezi, der ihm zum Alkoholkonsum animiert hatte und nun auch in einer Notaufnahme auf ihn wartete.

Doch ich werde es nie erfahren.

Life Magazin im Krankenhaus

Es tat einfach weh

Jedes Mal wenn mein chinesischer Arzt, Herr Tom, vorbeihuschte, oder die Schwestern ihm irgendwelche Papiere in die Hand drückten, dachte ich mein Warten hätte ein Ende.

Dem war aber nicht so. Schließlich strömten immer mehr Menschen hinein und immer weniger durch die nach draußen Freiheit versprechende Tür hinaus. Wahrscheinlich hatten sie zuerst noch gemütlich Mittag gegessen und hatten jetzt Zeit herzukommen.

Die nächste Frau die randalierte, begleitete ihren Mann mit künstlichem Magen, der verschlossen war und welcher seit 24 Stunden nichts mehr getrunken hatte. Niemand hielt es anscheinend notwendig ihm eine feuchtigkeitsspendende Infusion zu geben.

Mich aber, hatte Tom inzwischen an einen Tropf gehängt, da er sonst nicht wusste was er zwischenzeitlich mit mir machen sollte. Zumindest konnte ich so nicht wegrennen. Doch mein Drang zu rauchen und auch um mich auf der Toilette zu erleichtern stieg. Da mein Leidensdruck wuchs und Einsamkeit und Verzweiflung in mir hoch kamen, verteufelte ich schon meinen Entschluss in dieses Krankenhaus zu kommen.

Vor allem, da ich jetzt mitbekommen hatte, dass die meisten Patienten, nach ihrer Befundbesprechung noch 2 Stunden auf ihre Entlassungspapiere warten mussten.

Endlich stumpfte ich ein wenig gegenüber den lästigen Geräuschen ab. Die komischsten Dinge gingen mir durch den Kopf, ausgelöst durch die Überreizung meiner Sinne. Ich sehnte mich nach Ruhe und meinem Heim, wo ich aufstehen durfte wann immer ich wollte und nicht abhängig von Toms und Schwestern war.

Ich machte mir so meine Gedanken über Herrn Baumgartner, der wie vom Erdboden verschluckt war. War dies vielleicht gar nicht sein echter Name, sondern war er der psychiatrischen Einrichtung „Baumgartner Höhe“ entflohen, wo er wegen seiner multiplen Persönlichkeit behandelt wurde? Immerhin sehr komplex für einen geistig minderbemittelten Mongo, seine Identität zu vertauschen, um etwas Ablenkung vom tristen Irrenhausleben zu bekommen. Oder hatte er gar einen anderen Herrn Baumgartner getötet und auf dem Gewissen, um eine neue Identität zu bekommen und war der Psychiatrie für rechtsabnorme Verbrecher entflohen?

Man konnte nur hoffen, dass er nicht irgendeinen Schaden anrichten würde, er wieder sicher in Gewahrsam gebracht wurde und sei es nur bei seiner Mutter. Obwohl, wer weiß was da in den Genen schlummerte und wie die drauf war. Egal aus den Augen und Ohren, aus dem Sinn.

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Ich wurde nicht schlau

Nach fast 5 Stunden hatte Doktor Tom wieder Zeit für mich und präsentierte mir ein perfektes Blutbild. Keine Anzeichen einer Entzündung, Infektion, Dysfunktion oder Anzeichen meines lockeren Lebenswandels. Er war ratlos.

Ich war jetzt zwar nicht schlauer über die Ursache was mich hier her gebracht hatte, aber unendlich erleichtert hier abhauen zu können. Darum bettelte ich meinen Arzt an, mir gleich meinen Entlassungsbrief auszuhändigen, damit ich nicht noch weitere 2 Stunden warten musste. Vielleicht sah er die Verzweiflung in meine Augen, jedenfalls nickte er und gab mir nach 5 Minuten einen „vorläufigen ambulanten Patientenbrief“, der für mich reichte, um die heiß ersehnte Tür in die Freiheit zu durchschreiten.

 

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